Doktormutter Faust im Jungen Theater Göttingen: Faust wird zur politischen Gegenwartsfigur


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Doktormutter Faust: Wenn der Faust-Mythos weiblich, politisch und gefährlich gegenwärtig wird
Am 23. Oktober 2026 bringt das Junge Theater Göttingen Fatma Aydemirs Schauspiel Doktormutter Faust auf die Bühne. Die zeitgenössische Überschreibung von Goethes Klassiker verbindet gesellschaftliche Polarisierung, wissenschaftliche Macht und persönliche Verführung zu einem Theaterabend von großer politischer Schärfe.
Eine Professorin im Zentrum des Sturms
Dr. Margarete Faust gilt als gefeierte Professorin und Galionsfigur der Gender Studies. Nach einem öffentlichen Skandal gerät ihre akademische und gesellschaftliche Stellung ins Wanken. Die erstarkte politische Rechte nutzt die Krise, um ihre Deutungshoheit und ihre berufliche Existenz anzugreifen.
Dann tritt Mephisto in ihr Leben. Das Angebot klingt nach Freiheit, Lust und Selbstüberschreitung – doch hinter der Verheißung öffnet sich ein gefährlicher Raum, in dem Macht, Begehren und Verantwortung neu verhandelt werden.
Goethes Klassiker als Gegenwartsdrama
Fatma Aydemir führt den Faust-Stoff in eine wissenschaftsfeindliche und politisch aufgeladene Gegenwart. Aus dem Gelehrten wird eine hoch angesehene Wissenschaftlerin, deren öffentlicher Ruf zugleich Schutzschild und Gefängnis bildet. Als Faust dem jungen Doktoranden Karim begegnet, geraten vertraute Rollenbilder aus dem Gleichgewicht: Wer verführt hier wen, und wer bestimmt die Regeln?
Die Dramaturgie kreist um Personenkult, gesellschaftliche Polarisierung und den Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben. Der klassische Pakt mit dem Teufel erscheint dabei nicht als historisches Relikt, sondern als präzise Chiffre für die Versuchungen moderner Machtverhältnisse.
Regie, Bühnenbild und Schauspielkunst
Angelika Zacek verantwortet Inszenierung und Bühne, Julia Klug das Kostümbild. Das Ensemble mit Kristin Becker, Fynn Knorr, Malin Kraft, Marie-Luise Kuntze, Joel Kito Salvatore und Jens Tramsen formt daraus einen Abend zwischen politischem Schauspiel, schwarzem Humor und emotionaler Zuspitzung.
Die Bühnenkunst lebt von der Reibung zwischen akademischer Fassade und existenzieller Erschütterung. Lichtstimmung, Kostüm und Akustik begleiten den Wechsel von öffentlicher Debatte zu intimer Begegnung. Die Theateratmosphäre bleibt konzentriert, während die Inszenierung die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Autorität, persönlichem Begehren und politischer Vereinnahmung immer weiter verschiebt.
Ein gefeierter Auftakt am Jungen Theater Göttingen
Die Göttinger Inszenierung eröffnete die Spielzeit 2026/27 und markierte zugleich den Einstand von Angelika Zacek als Intendantin. Damit knüpft das Junge Theater an seine Gründungsgeschichte an: Goethes Urfaust stand einst am Beginn des Hauses, nun kehrt der Stoff in feministischer und zeitgenössischer Gestalt zurück.
Die bisherige Publikumsreaktion fiel laut offizieller Stückseite lautstark und ausdauernd aus. Kulturkritische Stimmen würdigten den klugen, unterhaltsamen Theaterabend und Kristin Beckers Darstellung der Margarete Faust. Fatma Aydemirs Stück wurde bereits an mehreren deutschsprachigen Bühnen gezeigt und gilt als markante feministische Neuinterpretation des Faust-Mythos.
Fazit: Ein Bühnenerlebnis mit Nachhall
Doktormutter Faust verspricht kein bequemes Klassikerzitat, sondern eine elektrisierende Begegnung mit den Fragen der Gegenwart. Wer politische Theatertexte, starke Schauspielkunst und eine Inszenierung zwischen Verführung und Widerstand sucht, erlebt im Jungen Theater Göttingen einen Abend, der noch lange nach dem Schlussapplaus weiterarbeitet.
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