Prima Facie im Jungen Theater Göttingen: Wenn Gerechtigkeit zur persönlichen Anklage wird


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Wenn das Rechtssystem selbst auf der Anklagebank sitzt
Am Donnerstag, den 15. Oktober 2026, verwandelt sich das Junge Theater Göttingen in einen Gerichtssaal der besonderen Art: Prima Facie erzählt von Tessa, einer brillanten Strafverteidigerin, die Angeklagte sexueller Übergriffe mit juristischer Präzision verteidigt. Ihr Vertrauen in Gesetz, Beweisführung und die Unschuldsvermutung scheint unerschütterlich – bis sie selbst zum Opfer wird.
Ein Monolog zwischen Macht und Verletzlichkeit
Suzie Millers preisgekröntes Solostück führt mitten in die Dramaturgie eines Justizsystems, das zwischen Wahrheit, Glaubwürdigkeit und Beweislast entscheidet. Tessa kennt die Regeln des juristischen Spiels, beherrscht die Sprache des Kreuzverhörs und weiß, wie sich ein Prozess lenken lässt. Nach ihrem eigenen traumatischen Erlebnis kippt diese Sicherheit: Aus der Verteidigerin wird eine Anklägerin, aus der souveränen Juristin eine Frau, die um ihre Stimme ringt.
Schauspielkunst als emotionales Kreuzverhör
Die Inszenierung am Jungen Theater Göttingen setzt auf die konzentrierte Kraft des Einpersonenstücks. Ein einzelner Körper, eine Stimme und die Spannung des unmittelbaren Bühnenerlebnisses tragen die Handlung. In der Theateratmosphäre verdichten sich juristische Argumentation, persönliche Erinnerung und gesellschaftliche Anklage zu einem intensiven Abend über sexualisierte Gewalt und die Grenzen des Rechts.
Ein international gefeiertes Bühnenstück
Prima Facie wurde 2019 in Sydney uraufgeführt und entwickelte sich zu einem international erfolgreichen Theaterstück. Die australische Autorin Suzie Miller arbeitete selbst als Strafverteidigerin im Menschenrechtsbereich. Das Stück gewann den Olivier Award und wurde für seine Verbindung aus packender Dramaturgie, politischer Relevanz und anspruchsvoller Schauspielkunst vielfach beachtet.
Zwischen Gerichtssaal und persönlichem Trauma
Die Inszenierung stellt unbequeme Fragen: Wem glaubt ein Rechtssystem? Wie wird eine Aussage bewertet? Und was geschieht, wenn die juristische Logik dort versagt, wo ein Mensch Schutz und Gerechtigkeit sucht? Lichtstimmung, Bühnenraum und Akustik konzentrieren den Blick auf die innere Bewegung der Figur. Die Publikumsreaktion entsteht aus der Nähe: Jeder Satz wird zum Beweisstück, jede Pause zum Nachhall.
Hinweis zum Inhalt
Die Aufführung thematisiert sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung und Traumatisierung. Das Stück richtet den Blick auf die Perspektiven Betroffener und auf die strukturellen Bedingungen eines patriarchal geprägten Justizsystems.
Fazit: Ein Theaterabend, der nachwirkt
Prima Facie verspricht kein bequemes Bühnenerlebnis, sondern eine konzentrierte Begegnung mit Fragen nach Gerechtigkeit, Macht und menschlicher Glaubwürdigkeit. Wer zeitgenössisches Schauspiel, gesellschaftlich relevantes Theater und eine eindringliche Soloperformance erleben möchte, findet im Jungen Theater Göttingen einen Abend, der weit über den Schlussapplaus hinaus nachhallt.
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