Prima Facie im Jungen Theater Göttingen: Ein Gerichtssaal für die Wahrheit


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Prima Facie: Wenn das Rechtssystem selbst vor Gericht steht
Am 18. November 2026 verwandelt sich das Junge Theater Göttingen in einen Gerichtssaal der besonderen Art. Suzie Millers preisgekröntes Schauspiel Prima Facie erzählt von Tessa, einer brillanten Strafverteidigerin, die Angeklagte sexueller Übergriffe mit juristischer Präzision verteidigt. Bis sie selbst zum Opfer wird und ihre Gewissheiten ins Wanken geraten.
Ein Monolog zwischen Macht, Gesetz und persönlicher Wahrheit
Die Dramaturgie folgt einem radikalen Perspektivwechsel: Tessa kennt die Mechanismen der Strafjustiz, prüft Aussagen auf Widersprüche und vertraut auf die Beweiskraft des Rechts. Nach dem Übergriff erlebt sie dieselben Strukturen aus der Perspektive der Betroffenen. Aus der souveränen Verteidigerin wird eine Anklägerin, aus juristischer Sicherheit ein schmerzhafter Kampf um die eigene Stimme.
Suzie Miller, selbst Juristin und Dramatikerin, verbindet in ihrem Ein-Personen-Stück fachliche Genauigkeit mit großer emotionaler Unmittelbarkeit. Die Inszenierung legt offen, wie eng Recht, Sprache, Macht und gesellschaftliche Vorstellungen von Glaubwürdigkeit miteinander verknüpft sind.
Eine intensive Soloperformance
In der Göttinger Inszenierung von Jette Seier steht Malin Kraft allein auf der Bühne. Die Schauspielkunst trägt den Abend durch wechselnde Bewusstseinszustände: vom präzisen Vortrag im Gerichtssaal bis zur erschütternden Konfrontation mit dem eigenen Trauma. Das Bühnenbild wird zum inneren Verhandlungsraum, in dem Erinnerung, Beweisführung und Anklage ineinandergreifen.
Mit einer Spieldauer von etwa 90 Minuten entwickelt sich ein konzentriertes Bühnenerlebnis ohne Pause. Lichtstimmung, Akustik und die Nähe des Jungen Theaters verstärken die Theateratmosphäre und machen jede Regung der Figur unmittelbar erfahrbar. Das Publikum sitzt nicht nur im Zuschauerraum, sondern gerät selbst in die Position der Urteilenden.
Ein preisgekröntes Stück mit gesellschaftlicher Sprengkraft
Prima Facie wurde 2019 in Sydney uraufgeführt und international ausgezeichnet. Das Werk erhielt unter anderem den Australian Writers Guild Award for Drama, den David Williamson Award und den Laurence Olivier Award. In seiner monologischen Form verbindet das Schauspiel juristisches Vokabular mit einem atemlosen inneren Strom und stellt die Frage, wen ein Rechtssystem schützt – und wen es zurücklässt.
Die Publikumsreaktion entsteht aus der schonungslosen Nähe zur Hauptfigur. Zwischen Gerichtssprache und persönlichem Erleben öffnet sich ein Spannungsfeld, das weit über den Theaterabend hinausweist. Das Stück berührt die #MeToo-Debatte, ohne sich in Thesen zu erschöpfen: Es lässt Widersprüche stehen und fordert das eigene Urteil heraus.
Fazit: Ein Theaterabend, der nachwirkt
Prima Facie verspricht ein konzentriertes, intensives und gesellschaftlich relevantes Bühnenerlebnis. Wer Schauspielkunst, starke Dramaturgie und politisches Theater in unmittelbarer Form erleben möchte, findet im Jungen Theater Göttingen einen Abend voller Spannung, Empathie und unbequemer Fragen. Die Aufführung lädt dazu ein, Recht und Gerechtigkeit nicht nur zu betrachten, sondern emotional zu verhandeln.
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